Pflegeforschung und Pflegewissenschaft: Es gibt viel zu entdecken

Wie kann eine Verwirrtheit nach einer Operation verhindert werden? Wie lassen sich Schmerzen bei Menschen mit Demenz messen? Was müssen Angehörige alles wissen und können, wenn sie mit einem erkrankten Neugeborenen aus dem Krankenhaus entlassen werden? Die Arbeit von Pflegenden mit Patienten und Angehörigen hält noch viele offene Fragen bereit, zu denen es wenige bis keine fundierten wissenschaftlichen Erkenntnisse gibt.

Lange Jahre bezog der Pflegeberuf sein Wissen ausschließlich aus Erfahrungen, die über Generationen erworben und gesammelt wurden. Erst später setzte sich die Erkenntnis durch, dass eine qualitativ hochwertige Pflege zwingend auch eine wissenschaftliche Basis braucht, die die schon immer ausgeübte pflegerische Praxis fundiert, weiter entwickelt und erweitert.

Erste pflegewissenschaftliche Orientierungen finden sich international im 19. Jahrhundert. So nutzte die englische Krankenschwester Florence Nightingale, die als Pionierin der modernen Krankenpflege gilt, statistische Methoden zur Sammlung und Untersuchung von Gesundheitsdaten. Die Wurzel der modernen Pflegewissenschaft liegt aber im US-amerikanischen Raum. Hier fanden bereits ab 1900 erste Studiengänge für Pflegende statt. Darüber hinaus wurden erste Pflegeforschungsarbeiten verfasst und Forschungsinstitute gegründet. Heute sind hochschulische Qualifikationen und die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Phänomenen der Pflege international etabliert.

Bessere Bildung – bessere Pflegequalität

Das Institute of Medicine (IOM) in den USA fordert beispielsweise einen 80-prozentigen Anteil an Pflegefachpersonen mit Bachelorabschluss bis zum Jahr 2020. International gibt es umfangreiche pflegewissenschaftliche Journale, Kongresse und Studienmöglichkeiten vom Bachelor bis hin zur Promotion. Im Fokus der Entwicklung steht dabei immer die bestmögliche Pflegequalität für Patienten und Angehörigen. So konnten beispielsweise große Studien aus den USA zeigen, dass der Grad der Qualifikation der Pflegenden und der die Personalausstattung direkt mit Infektionsraten und Mortalitätsraten (Sterberaten) zusammenhängt. Ein höherer Anteil an hochschulisch qualifizierten Pflegefachpersonen hat Auswirkungen auf die Patientensicherheit sowie die effektiveren Versorgungsergebnisse.

Politik, Verbände, Kommunen und andere gesellschaftlich wichtige Institutionen haben inzwischen auch in Deutschland erkannt, dass in die Praxis, Ausbildung und Forschung der Pflege deutlich mehr investiert werden muss, um die Versorgungsqualität zu optimieren. Die Geschichte der Pflegeforschung und der hochschulischen Qualifikationen im Pflegedienst ist mit 25 Jahren in Deutschland jedoch noch sehr jung, hat aber in den letzten Jahren mit über 100 unterschiedlichen pflegebezogenen Studiengängen und zunehmenden Absolventen sehr an Dynamik gewonnen. Der Wissenschaftsrat empfiehlt für Deutschland beispielsweise einen 10 bis 20-prozentigen Anteil an hochschulischen Qualifikationen für die nichtärztlichen Gesundheitsberufe in der direkten Patientenversorgung. Aktuell liegt dieser Anteil bei etwa 1 Prozent.

Für Universitätskliniken stellt sich dieser Bedarf im Besonderen. Sie sind Orte der Maximalversorgung und der Innovation. Dies bietet auch für die Pflege und die Pflegewissenschaft einmalige Chancen: Indem Bedarfe direkt bei Patienten und Angehörigen ermittelt und untersucht werden, können neue, innovative pflegerische Konzepte entworfen, begleitet und evaluiert werden. Diese können sich direkt wieder in die Lehre und die Patientenversorgung einfließen lassen. An die Forschungsstätten moderner Medizin gehört auch die klinische Pflegeforschung. Mit vielen Absolventen und Studierenden im Pflegedienst, ersten Advanced Nursing Practitioners (ANP`s, Pflegende mit einem Masterabschluss) und einem ersten, vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Forschungsprojekt zum Thema Umgang mit Arbeitsbelastungen im Pflegedienst hat das Universitätsklinikum Bonn erste wichtige Schritte in diese Richtung bereits unternommen. Es bleibt aber noch viel zu tun.

 

Autoren

Andreas Kocks (Krankenpfleger, Bachelor und Master Pflegewissenschaft, in Promotion)

Stabstelle Pflegeforschung in der Pflegedirektion

Kristin Adler (Pflegefachfrau für Kinder- und Erwachsenenpflege, Pflegeexpertin HöFa II, Master in Pflegewissenschaft, in Promotion)

Zentrum für Kinderheilkunde, ANP im Bereich der Pädiatrie Transitionssprechstunde